Die Physik verglichen mit der Biologie

Roland Heynkes, 6.9.2005

Verglichen mit der Chemie und besonders der Biologie ist die (Forschungs)Welt der Physiker sehr einfach, und oft wird sie von den Physikern durch Idealisierung und Laborbedingungen noch weiter vereinfacht. Außerdem versuchen die Phyiker stets, physikalische Phänomene mit einheitlichen Theorien von möglichst großer Einfachheit und Symmetrie zu erklären. Aber im Gegensatz zu Biologen und Chemikern versuchen Physiker ihre vergleichsweise simple Welt der (nicht lebenden und nicht einmal chemisch reagierenden) Materie und ihrer rein physikalischen Wechselwirkungen auch wirklich bis ins Letzte vollständig zu verstehen. Nichtphysiker verstehen da sehr schnell gar nichts mehr, zumal die Physiker ihre Welt oft überhaupt nicht anschaulich beschreiben. Dazu trägt auch der Umstand bei, daß die Physiker die nicht jedem Menschen liegende Mathematik als ihre Sprache gewählt haben, in der sie denken und mit beachtlichem Erfolg alles auszudrücken versuchen. Es ist aber auch einfach so, daß die Welt nicht anschaulich und für Menschen letztlich auch nicht wirklich verstehbar ist. Unsere Sinne und Gehirne sind nicht dafür gemacht, die Welt möglichst genau und vollständig zu erkennen und zu verstehen. Die natürliche Aufgabe unserer Sinnesorgane ist es, unsere Umwelt nur so komplex wie unbedingt nötig wahrzunehmen, damit unsere Hirne mit der Verabeitung der Informationen nicht überfordert sind. Unsere Hirne sollen kein realistisches Bild der Welt erzeugen, sondern eines, das zu möglichst raschen und (für die Vermehrung unserer Gene) nützlichen Reaktionen auf die Umwelt befähigt. Die Mathematik hat für die Physiker unter anderem den Vorteil, auch mit Dingen sinnvoll umgehen zu können, die man nicht wirklich verstehen kann.

Physiker überschreiten also mit ihrer Forschung die Grenzen des für Menschen verstehbaren, aber als weltweit verbundene Gemeinschaft haben zu diesem Zweck auch einige Grenzen der Fähigkeiten vereinzelt oder in lokalen Gruppen arbeitender Menschen überwunden. Viel stärker als Biologen und Chemiker sind die meisten Physiker zur Kooperation bereit und haben dazu spezielle Techniken entwickelt. So haben Physiker das World Wide Web entwickelt, um ihre Daten und Ideen weltweit auszutauschen und dabei ihre Zusammenarbeit von Raum und Zeit weitgehend unabhängig zu machen. Und anstatt ihre Forschungsergebnisse mit gewaltigen Zeitverzögerungen nur in für immer mehr Bibliotheken unerschwinglich teur gewordenen Fachzeitschriften zu veröffentlichen, stellen sie jeden zur Publikation eingereichten Artikel sofort auch in einer riesigen Artikel-Sammlung über das Internet (Preprint-Server) allen Interessierten kostenlos zur Verfügung. Zu den Besonderheiten der Physik als der ältesten und meines Erachtens reifsten aller Naturwissenschaften gehört auch die Etablierung der theoretischen Physik, welche die Ergebnisse der experimentellen Physik zusammenfasst und zu erklären versucht und zu diesem Zweck auch weiterführende Experimente vorschlägt. Verglichen mit der Physik stecken Biologie und Chemie noch in den Kinderschuhen, aber nur ganz wenige Biologen und Chemiker lassen nach meiner Beobachtung Interesse daran erkennen, von den überlegenen Arbeitstechniken der Physiker zu lernen. Besonders die meisten älteren Biologen vermeiden immer noch die Benutzung von Computern und moderner Kommunikationstechnik und haben meiner Meinung nach überwiegend noch längst nicht begriffen, welches Potential darin steckt. Viele Biologen benutzen Computer und Internet sogar erschreckend unkritisch und primitiv.

Die Physik ist deshalb die richtige Wahl für Menschen, die eher am Verstehen als am Beschreiben der Welt interessiert und dafür auch auf technisch hohem Niveau zur Kooperation mit möglichst vielen Kollegen bereit und in der Lage sind. Aber auch scheue oder exzentrische Eigenbrödler finden ihren Platz in der Physik, sofern sie die Mathematik ähnlich gut wie ihre Muttersprache beherrschen. Die Physik ist auch die richtige Naturwissenschaft für Menschen, die lieber mit intelligenten, sachbezogenen und unkonventionellen Kollegen, als mit bornierten, egoistischen, geltungssüchtigen oder übertrieben geschäftstüchtigen Leuten zu tun haben. Natürlich gibt es als Gegenbeispiele auch nette, vernünftige Chemiker und Biologen sowie ausgesprochen macht- und geltungssüchtige Physiker wie Oskar Lafontaine und Angela Merkel. Letztere sind bezeichnender Weise auch nicht in die Forschung gegangen bzw. kaum länger als unbedingt nötig dabei geblieben. Frau Merkel und besonders Herr Lafontaine sind jedoch durchaus beispielhaft für die erstaunlichen Schwierigkeiten vieler hochintelligenter Physiker im Umgang mit der Komplexität lebender und sozialer Systeme, die ja oft nicht genau vorhersagbar und schon gar nicht unbedingt logisch reagieren. Für Biologen ist kaum nachvollziehbar, wie schwer sich Physiker mit dem Verstehen selbst relativ einfacher biologischer Systeme tun können, deren Funktionsweisen und Eigenschaften Biologen oder Medizinern völlig selbstverständlich zu sein scheinen. Aber was man nicht mathematisch denken und beschreiben kann, das erschließt sich typischen Physikern nach meiner allerdings naturgemäß begrenzten Erfahrung nur sehr schwer oder überhaupt nicht. Und mit individuellen Motiven, Wünschen oder gar Ideologien haben es Physiker in ihrer Welt der Teilchen, Wellen und deren Wechselwirkungen ja nie zu tun. Dafür sind aber viele Physiker sehr viel besser als andere Naturwissenschaftler mit den methodischen und philosophischen Grundlagen naturwissenschaftlicher Forschung vertraut, überdenken besonders selbstkritisch ihre Arbeitsweisen sowie die Grenzen ihre Erkenntnisfähigkeit und übernehmen seltener einfach unkritisch die Ergebnisse von Meßgeräten und Computerprogrammen.

Es sind daher ambitionierte aber sicherlich lohnende Ziele, einen Physikleistungskurs zu belegen, ein Physikstudium zu wagen oder gar wissenschaftlich in der Physik t├Ątig zu werden. Reich wird damit allerdings kaum jemand und mit einem normalen Familienleben ist die wissenschaftliche Arbeit in der Physik nur schwer vereinbar. Physiklehrerinnen haben zumindest dieses Problem nicht.

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