NR APNR
AU Casimir,T.
TI Des Prions rätselhafter Trick - Die Anton-Betz-Stiftung der Rheinischen Post unterstützt die Erforschung des BSE-Erregers
QU Rheinische Post, Samstag, 22. März 1997 - Nr.69
PT Zeitungsartikel
VT
Des Prions rätselhafter Trick - Die Anton-Betz-Stiftung der Rheinischen Post unterstützt die Erforschung des BSE-Erregers
Von TORSTEN CASIMIR
Nicht selten beginnt Fortschritt mit dem Gewinn von Unsicherheit - und stößt daher auf Widerstand. Bis vor einigen Jahren galt in Medizin und Biologie ein Schema, mit dem man alle Infektionskrankheiten zu erklären können glaubte, als immergültiges Prinzip: Es gibt eine Krankheit, die sich genau beschreiben läßt, und die ist ganz bestimmten Typen von Erregern - Bakterien, Viren, Pilzen beispielsweise - zuzuordnen. Der Bakteriologe Robert Koch steht mit seinen Arbeiten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die zunehmend genaue Kenntnis von Infektionskrankheiten und ihrem Zustandekommen. Nicht bei jeder Krankheit jedoch werden Wissenschaftler fündig, wenn sie nach viralen Erregern fahnden. Bei einer gewissen Gruppe sehr seltener, aber weltweit verbreiteter und stets tödlicher Infektionen ist die Erreger-Aufklärung bis zum heutigen Tage nicht gelungen.
Verfall aller geistigen Kräfte
Zu diesen Krankheiten, die Tiere und Menschen befallen können, gehört als frühestes Beispiel die Scrapie-Krankheit der Schafe, außerdem die im Volksmund Rinderwahnsinn genannte BSE (bovine spongiforme Enzephalopathie), beim Menschen schließlich die verschiedenen Varianten der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit und eine vergleichbare, bei einem Volksstamm auf Papua-Neuguinea auftretende Krankheit namens Kuru. Das Phänomen ist jeweils ähnlich: ein langer Zeitraum zwischen Ansteckung und Ausbruch, dann einsetzende Bewegungsstörungen, alsbald der völlige Verfall geistiger Kräfte bis bin zum sicheren Tod. Viele Forscher in aller Welt suchen nach wie vor vergebens nach einem Erreger-Virus.
Detlev Riesner, Biophysiker an der Heinrich-Heine-Universität, glaubt indes gar nicht, dass es ein solches Virus gibt. Zusammen mit einer größer werdenden Zahl von Kollegen vermutet der Düsseldorfer Lehrstuhlinhaber, dass ein völlig neuartiger Erregertyp hinter den erwähnten Krankheiten steckt: das sogenannte "Prion". Der Ausdruck, so Riesner, stamme von Stanley Prusiner aus San Francisco. Nach umfangreichen Versuchen an der dortigen Universität von Kalifornien sei ein "Glaubenssatz der Molekularbiologie" ins Wanken geraten: Nicht immer, sagt Prionen-Forscher Prusiner, spielt Nukleinsäure bei Infektionsvorgängen eine Rolle. In der Fachwelt mußte seine These als gleichsam ketzerisch gelten, denn alle bis dabin bekannten Erreger - jedes Virus jedes Bakterium, jeder Pilz - waren bei ihrer Vervielfältigung auf Nucleinsäure, die Trägerin wichtiger Schlüsselsubstanzen, angewiesen. Und jetzt das: ein bloßes Protein, das infektiös agiert?
Die Zellen eines Tieres und eines Menschen produzieren viele Eiweiße, erläutert Riesner, auch das Prion-Protein. "Man weiß übrigens nicht genau, wozu dieses Protein, das jeder Mensch hat, gut ist. Man weiß nur, dass es in seiner normalen Form nicht stört." Die Gruppe um den Chef des Universitäts-Instituts für Physikalische Biologie will nun versuchen, den Mechanismus im Labor nachzumachen, der das zelluläre, körpereigene Prion-Protein in ein krankhaftes, etwa die Scrapie-Form, umwandelt. "Damit soll bewiesen werden, dass diese Umwandlung der eigentliche Infektionsmechanismus ist", sagt der Hochschullehrer. "Das wäre ein prinzipiell anderer Infektionsweg als alles, was bisher bekannt ist." Die krankhaften Formen des Eiweiß-Moleküls führen zu den gefürchteten Ablagerungen im Gehirn, zu den Plaques, die im weiteren Verlauf die Nervenzellen schädigen und insbesondere die graue Gehirnmasse zerstören (was bei BSE zu jener schwammförmigen, eben spongiformen Veränderung des Gehirngewebes führt und der Krankheit den Namen gab).
Arbeiten im Sicherheitslabor
Bei ihren Untersuchungen sind die Düsseldorfer auf Gentechnologie angewiesen. Sie wollen mit Hilfe von zellulären Prion-Proteinen, die im E.coli-Bakterium kloniert sind, versuchen, sie in die Scrapie-Form umzuwandeln. Dafür wurde ein spezielles Labor der Sicherheitsstufe S 2 eingerichtet. Bei der Anschaffung notwendiger Geräte leistete die Anton-Betz-Stiftung der Rheinischen Post finanzielle Unterstützung.
Der Nutzen dieser Grundlagenforschung, mit der im Institut die beiden Doktoranden Karin Post und Martin Pitschke befaßt sind, liegt nach Überzeugung Riesners weniger in künftigen Therapiechancen. Alzheimer spiele unter dem Aspekt der Volksgesundheit eine ungleich größere Rolle. "Aber wenn man den Trick der Infektion erst einmal gefunden hat, dann haben wir die Grundlage für eine schnelle und sichere Diagnose."
Wie wichtig und wünschenswert die ist, zeigt schon ein kurzer Blick in dunkle Vergangenheit: So sind laut Riesner 60 Fälle von Creutzfeldt-Jakob-Infektionen bekannt, die durch Behandlung mit Wachstumshormonen verursacht worden sind. Dieses Hormon habe man aus der 'Hirnanhangdrüse von Leichen isoliert - und eine "medizinische Katastrophe" habe dazu geführt, dass ein Fall von Creutzfeldt-Jakob unter den Leichen nicht zu erkennen gewesen sei. Erst vor wenigen Tagen schlug das Thüringer Gesundheitsministerium Alarm: Ein in Bodybuilding-Studios illegal verbreitetes Muskelpräpärat stehe in dringendem Verdacht, durch das in ihm enthaltene Wachstumshormon Somatotropin die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit auszulösen. Das Mittel mit dem Namen "Somatogenum" ist nach Angaben der Behörde in der Szene eine beliebte Dopinghilfe.
Gefahrenquelle Pharmaka
Auch einer Gefahr kontaminierter Pharmaka etwa, die auf Rinderprodukten basieren, ließe sich nach Einschätzung des Düsseldorfer Prionen-Forschers mit sicheren Infektiositätstests vorbeugen. Aber noch ist die Umwandlung des Prions nicht aufgeklärt. Die Unsicherheit hält vorläufig an - auch zu der Frage, welche Ansteckungsgefahr für Menschen bestand, die Fleisch von BSE-Rindern gegessen haben.
Bild 1: Der Biophysiker und Prion-Forscher Detlev Riesner
Bild 2: Karin Post arbeitet an der sterilen Werkbank; im Vordergmnd ein Stickstofftank, in dem tierische Zellen schockgefroren und gelagert werden.
Fotos: Werner Gabriel
SP deutsch
PO Deutschland
OR Prion-Krankheiten C