NR APQA

AU Hörnlimann,B.

OT Die aktuelle Situation bezüglich BSE

QU BSE-Seminar an der Universität Bern vom 26. Oktober 1995

IN Trotz zahlreicher Hinweise in der Literatur sieht Herr Hörnlimann keine Therapiemöglichkeiten für die Prion-Krankheiten. Das zentrale Veterinärlabor der britischen Veterinärbehörde (CVL) in Weybridge stellte 1986 an histologischen Hirngewebepräparaten eines Rindes eine außergewöhnliche Durchlöcherung fest. Als Quelle der mit diesem Fall beginnenden BSE-Epidemie ermittelte der britische Epidemiologe Jon W. Wilesmith mit Scrapie-Erregern verseuchtes Tierkörpermehl. Als ausschlaggebend für den Ausbruch der Epidemie bezeichnet Dr. Hörnlimann die anfangs der 80er Jahre eingeführte Änderung der Verfahrenstechnik mit ungenügender Hitzebehandlung und einem neuen Fettextraktionsverfahren. Hinzu kam die große britische Schafpopulation mit der dort auch heute noch häufigen Krankheit Scrapie. Außerdem soll der Tierkörpermehlanteil im Kraftfutter für Aufzuchtrinder in Großbritannien besonders hoch gewesen sein. Nach einer persönlichen Mitteilung von R.Bradley sollen bis Ende September 1995 in Großbritannien 153613 Rinder der BSE zum Opfer gefallen sein. Wie es aufgrund der durchschnittlichen Inkubationszeit von 4-5 Jahren zu erwarten war, soll die BSE-Inzidenzrate 4,5 Jahre nach dem Verfütterungsverbot am 18.7.88 zu sinken begonnen haben. Dies wird durch ein Balkendiagramm mit den jährlichen Fallzahlen in Großbritannien bestätigt. Nach einer Schätzung britischer Experten soll das Verfütterungsverbot mindestens 20000 Fälle verhindert haben. Dennoch erkrankten bis September 1995 in Großbritannien 21636 Rinder an BSE, die erst nach dem Verfütterungsverbot geboren wurden. Davon wurden 99,7% vor dem Jahr 1991 geboren. Bezüglich des Risikos einer maternalen Übertragung verweist der Autor auf einen vergeblichen Versuch der BSE-Übertragung auf Mäuse mittels Plazentamaterials sowie auf die epidemiologische Studie von Hoinville et al., welche kein signifikantes Risiko für eine maternale Übertragung von BSE feststellen konnte. Beide Arbeiten sind allerdings ungeeignet, diese für Schafe bereits nachgewiesene Übertragungsmöglichkeit auszuschließen und ich hätte mir Hinweise auf Arbeiten mit gegenteiligen Aussagen gewünscht. Bisher wurde BSE nur in 12 Ländern offiziell festgestellt. Der Autor nennt für Großbritannien 153613, Nord-Irland 1577, die Schweiz 175, die Irische Republik 99, Portugal 22, Frankreich 12, Deutschland 4, dem Sultanat Oman 2, und Italien (Sizilien) 2 Fälle, sowie je 1 Fall für die Falkland Inseln, Kanada und Dänemark. In Dänemark, Kanada, den Falkland Inseln, Italien, dem Sultanat Oman, und Deutschland stammten alle betroffenen Tiere aus Großbritannien. In der Schweiz wurden 1990 1, 1991 9, 1992 15, 1993 29, 1994 64 und bis September 1995 75 Fälle von BSE diagnostiziert. In die Schweiz wurden 1985-1993 kaum Rinder aus Großbritannien importiert. In der Schweiz gibt es weder häufig Scrapie, noch wurde das Herstellungsverfahren für Tierkörpermehle geändert. In der Schweiz sind bisher nur 1 Scrapie-Verdachtsfall bei einer Ziege aus dem Jahr 1982 und 5 Scrapie-Fälle in den Jahren 1991, dreimal in 1993 und im Jahr 1995 bekannt. Es wurden aber Tierkörpermehle an Rinder verfüttert. Kraftfutterprodukte für die knapp 800.000 Schweizer Milchkühe enthielten schätzungsweise 2,6% Tierkörpermehle. Der Autor vermutet, dass Kälberaufzuchtfutter noch etwas mehr davon enthielt und das die kontaminierten Futtermittelkomponenten aus Großbritannien stammten. In der Schweiz wurde das Verfüttern von Tierkörpermehlen an Wiederkäuer erst ab dem 1.12.1990 verboten und die jährlichen Fallzahlen nahmen dementsprechend bis 1995 zu. Der Verlauf der BSE-Epifemie in der Schweiz soll mehr oder weniger der "worst-case" Prognose einer Gruppe mit dem Autor aus dem Jahre 1992 entsprechen. Bisher starben in der Schweiz 3 erst am 10.1.91, am 10.3.91 bzw. am 30.11.91 nach dem Verfütterungsverbot geborene Rinder an BSE. Deren Mütter waren nie BSE-verdächtig und in keinem Fall gibt es Hinweise auf illegale Beimischungen von Tierkörpermehlen in ihr Futter. Die Einhaltung des Verfütterungsverbotes wird in der Schweiz laufend stichprobenartig anhand von Futteranalysen im Labor der Forschungsanstalt für viehwirtschaftliche Produktion (FAG) in Posieux kontrolliert. Der Autor bezeichnet die Ergebnisse der mikroskopischen Analysen von 1991-1994 als de facto immer negativ ausgefallen. Die Nachweisgrenze liegt bei einem Anteil von 0,1% Knochen und Muskelmaterial. In der Schweiz wurden von 1991 bis 1994 nur 544 Mischfutterproben untersucht, von denen nur 3 zwischen 0,1% und 0,3% der unerlaubten Zusatzstoffe enthielten. Als Erklärung für diese geringe Beimischung wird kein absichtlicher Verstoß gegen die Bestimmungen in Betracht gezogen. Als Erklärung wird auf den sehr interessanten und beunruhigenden Umstand verwiesen, dass das Rinderfutter in den selben Produktionslinien wie das Futter für Schweine und Geflügel hergestellt wird und das es deshalb unvermeidlich zu Kontaminationen kommen könne. Epidemiologisch mißt der Autor diesen Kreuzkontaminationen aber nur eine untergeordnete Bedeutung bei und hält ihre Vermeidung für kaum praktikabel. Der Autor liefert eine Graphik über die jährlichen Zahlen von BSE-Fällen in Großbritannien und eine Graphik über die monatlichen Fallzahlen in der Schweiz. Die BSE-Inzidenz betrug auf dem Höhepunkt der Epidemie 1993 rund 1000 Fälle von 100.000 adulten Tieren, in der Schweiz waren es maximal 8,3 Fälle von 100.000 und es traten nur in wenigen Herden 2 oder 3 Fälle auf. Alle in der Schweiz erkannten Fälle waren in der Schweiz geborene Milchkühe. Eine Rassenprädisposition wurde ebenso wenig beobachtet, wie Hinweise auf maternale oder paternale Übertragungen. Bei meist nur 1 Fall pro Herde und einem Beobachtungszeitraum von weniger als 5 Jahren war es auch nicht möglich, eine genetische Prädisposition für eine neue Infektionskrankheit zu beobachten. Also ist die Schlußfolgerung falsch, eine genetische Prädisposition scheine nicht vorzuliegen. Seit dem 1.12.90 müssen BSE-Verdachtsfälle in der Schweiz dem Kantonstierarzt gemeldet und histopathologisch abgeklärt werden. Der Anteil der nicht bestätigten BSE-Verdachtsfälle wurde in der Schweiz immer geringer. 1990/91 wurden 10 von 113 (8,8%), 1992 wurden 15 von 57 (26,3%), 1993 schon 29 von 78 (37,1%) und 1994 sogar 64 von 124 (51,6%) bestätigt. Entweder wurden die Tierärzte immer sicherer, oder die Histologen und ihre Methoden.
Zu diesen Ausführungen halte ich folgende Erwiderungen für angebracht. Daß Middleton et al. keine Infektiosität von Rinder-Plazenta feststellten, ist kein Beweis gegen deren Existenz. Wesentlich stärker wiegen positive Ergebnisse wie die Befunde bei Schafen und einer Japanerin. Die vorläufige und auf möglichst schnelle Ergebnisse ausgelegte Studie von Hoinville et al. ist nicht geeignet, ein geringes und zudem von immer noch bedeutenderen Faktoren überlagertes Risiko maternaler Übertragung von BSE zu widerlegen. Angesichts der extrem geringen Anzahlen ist jede diesbezügliche Aussage aufgrund dieser Studie unseriös. Aussagekräftiger als epidemiologische Studien sind hier zur Zeit Beobachtungen an einzelnen Tieren, bei denen andere Faktoren mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden konnten. Die Kontamination von Rinderkraftfutter durch Tierkörpermehle ließe sich durch eigene Produktionslinien oder besser durch ein generelles Verfütterungsverbot vermeiden. Bei meist nur 1 Fall pro Herde und einem Beobachtungszeitraum von weniger als 5 Jahren konnte keine genetische Prädisposition für eine neue Infektionskrankheit beobachtet werden. Die entsprechende Schlußfolgerung ist also falsch. Eine histopathologische Untersuchung reicht nicht aus, um einen BSE-Verdacht sicher auszuschließen. Entweder wurden die Tierärzte immer sicherer, oder die Histologen und ihre Methoden. Außerdem drängten sich mir folgende Fragen auf. Wie genau wurden in Großbritannien Tierkörpermehle vorher und nachher hergestellt? Welche Kadaver wurden früher und werden jetzt dort vom Herstellungsprozess ausgeschlossen? Wie hoch waren vor dem Verbot die Tierkörpermehlanteile in verschiedenen Kraftfuttern für Wiederkäuer in Großbritannien, der Schweiz und Deutschland? Könnte ich die Publikationen von Dr. Hörnlimann sowie die letzten Tätigkeitsberichte der FAG Posieux bekommen?

AD Dr. med. vet. Beat Hörnlimann, Institut für Viruskrankheiten und Immunprophylaxe, Forschungsanstalt des Bundesamtes für Veterinärwesen in Bern, Fax 0041/318489222

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