Lerntext Hanf (pdf)

Roland Heynkes, 23.10.2017

Dieser Hypertext soll möglichst verständlich erklären, was man zum Verständnis der Biologie über Hanf wissen sollte.

Gliederung

zum Text Hanf ist eine ökologisch besonders wertvolle uralte Nutzpflanze
zum Text Hanf-Anbau und Nutzung
zum Text Hanf kann Medizin und Drogen liefern

Hanf ist eine ökologisch besonders wertvolle uralte Nutzpflanze nach oben

Hanf oder Cannabis heißt eine Pflanzen-Gattung in der Familie der Hanfgewächse. Hanf zählt seit weit mehr als 5000 Jahren zu den wertvollsten Nutz- und Heilpflanzen der Menschheit. Von der Wurzel bis zu den Blüten gibt es keinen Teil der Hanf-Pflanze, aus dem man nicht für den Menschen sehr nützliche Produkte herstellen kann. Außerdem produzieren Hanf-Pflanzen mehr Biomasse als jede andere heimische Nutzpflanze, denn sie können vier Meter hoch werden. Weil sie so schnell und üppig wachsen, lassen sie schon nach wenigen Tagen so wenig Licht durch, dass andere Pflanzen (sogenannte Unkräuter) auf Hanf-Feldern keine Chance haben. Dadurch wird auf einem Hanf-Feld der Boden vor Austrockung und Erosion durch Hitze und Wind geschützt. Da Hanf-Pflanzen äußerst Schädlingsresistent sind, werden beim Anbau von Hanf keinerlei Pestizide benötigt. Indirekt spart das auch Energie, weil die Produktion, der Transport und die Anwendung von Pestiziden viel Energie verbrauchen. Für den Hanf-Anbau müssen Bauern kein teures Saatgut kaufen, denn sie können es leicht selber züchten.

Die Hanf-Pflanze treibt ihre Wurzeln bis zu 140 cm tief in den Boden. Dadurch lockern Hanf-Pflanzen die Erde auf, düngen sie mit abgestorbenen Wurzeln nachhaltig und halten sie fest. Im Gegensatz zu anderen Kulturpflanzen und dem in in dieser Hinsicht besonders schädlichen Mais-Anbau verbessert der Anbau von Hanf daher die Bodenfruchtbarkeit und ist auch auf sehr schlechten Böden möglich. Schon beim Anbau ist daher die Ökobilanz der Nutzpflanze Hanf unschlagbar. Umso bedauerlicher ist darum, dass ein fanatischer und krimineller Rassist im Dienst der US-Regierung mit verlogener Propaganda ein weltweites Verbot des Hanf-Anbaus und sogar der medinizischen Nutzung von Hanf-Produkten durchsetzen konnte.

Männliche Hanf-Blüten lassen ihren Pollen einfach durch den Wind zu den weiblichen Blüten transportieren. Das von unserer konventionellen Landwirtschaft verschuldete große Insektensterben ist daher für Hanf-Bauern kein Problem. Hanf-Anbau ist gut für die Insekten, weil er ohne Gift auskommt und weil sich Insekten von dem Pollen ernähren, den die männlichen Hanf-Blüten produzieren. Nur auf Nektar müssen die Insekten bei Hanf-Pflanzen verzichten und rein weibliche Blüten bringen ihnen natürlich gar nichts.

Die Hanf-Pflanze Cannabis sativa
Cannabis sativa
Cannabis sativa in der Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz (1885) von Prof. Dr. Otto Wilhelm Thomé, eingescannt von Kurt Stüber für die Biolib, GNU-Lizenz für freie Dokumentation

Hanf-Anbau und Nutzung nach oben

Viel schwieriger als Zucht und Anbau sind das Ernten und die Verarbeitung von Hanf. Das beginnt schon damit, dass ursprünglich die allermeisten Hanf-Pflanzen alter Sorten entweder nur in Trauben angeordnete weibliche oder ausschließlich lose in Rispen angeordnete männliche Blüten bildeten. Das war ein Problem, weil männliche Hanf-Pflanzen viel kleiner bleiben und dafür früher reif sind. Deshalb müsste man eigentlich zweimal ernten, was aber arbeitsintensiv und daher heute in Europa unwirtschaftlich ist. Aus den wenigen schon immer vorkommenden Zwitter-Pflanzen züchtete man deshalb neue Zuchtlinien mit weiblichen und männlichen Blüten an jeder Pflanze. Weil legaler Hanf-Anbau in Europa hauptsächlich für die Faser-Produktion erfolgt, wachsen auf europäischen Feldern heute fast nur noch Hanf-Sorten, bei denen alle Pflanzen Zwitter sind und daher alle gleich wachsen. Allerdings sind diese Sorten viel weniger produktiv.

Schwierig ist auch die maschinelle Verarbeitung der geernteten Pflanzen. Dafür sind aber auch die Eigenschaften aus Hanf-Fasern gefertigter Produkte bemerkenswert. Im Mittelalter wäre ohne die besondere Zugfestigkeit der Hanffasern die Herstellung der englischen Langbögen nicht möglich gewesen, die aufgrund ihrer extremen Durchschlagskraft das Zeitalter der Ritter beendeten. Aufgrund der besonderen Haltbarkeit von Hanf-Papier sind Gutenberg-Bibeln von 1455 und die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 bis heute erhalten. Hanfseile und Segeltuch aus Hanf sind besonders widerstandsfähig gegenüber Salzwasser und nehmen weniger Wasser auf als beispielsweise Baumwolle, die bei Regen viel zu schwer wird. Und im Gegensatz zu Flachsleinen verrottet nasser Hanf nicht. Deshalb war Hanf nicht nur bis zur Erfindung von Kunststoffen unentbehrlich für die Herstellung von Segeln und Kleidung, sondern bis heute verwenden Installateure Hanf zur Abdichtung von Schraubverbindungen zwischen Wasserrohren. Inzwischen können europäische Bauern bei weitem nicht den Bedarf decken, weil so viele europäische Unternehmen Hanf als Basis für Baumaterial, Farben, Lacke, Waschmittel, Schampoo, Papier und vieles mehr verarbeiten.

Hanffasern
Hanffasern
anonym, GNU-Lizenz für freie Dokumentation

Hanf ist auch eine Ölpflanze. Aufgrund ihres hohen Fettgehaltes werden Hanf-Samen gerne Futtermitteln beigemischt. Das macht sie auch interessant als Nahrungs-Pflanze.

Hanf kann Medizin und Drogen liefern nach oben

Traditionell galt aber das Interesse an Hanf-Öl eher den darin enthaltenen Cannabinoiden, Terpenoiden und anderen flüchtigen Substanzen. Hanf-Öl wird fast ausschließlich von haarähnlichen Strukturen auf den Kelchblättern und Tragblättern weiblicher Blüten produziert. Die getrockneten, meist zerkleinerten harzhaltigen Blütentrauben und blütennahen, kleinen Blätter der weiblichen Pflanze werden nach dem Trocknen zu umgangssprachlich Gras genanntem Marihuana. Das aus den weiblichen Blüten extrahierte Harz wird zu Haschisch oder Haschisch-Öl weiterverarbeitet. In Deutschland ist Cannabis die am häufigsten konsumierte illegale Droge. Hauptverantwortlich für die Wirkung als Droge sind das Cannabinoid Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). THC beeinflusst unter anderem das Zentralnervensystem des Menschen. Es wirkt entspannend, beruhigend und hilft gegen Brechreiz. Diese Wirkungen zeigen schon, das THC nicht nur als weiche Droge, sondern auch als Wirkstoff von Medikamenten interessant ist. Die Hanf-Pflanze ist von Natur aus auch eine eigentlich unverzichtbare Heilpflanze, auf die z.B. Menschen mit starken Dauerschmerzen dringend angewiesen sind. Viel zu lange haben aber Politiker fast nur die Bedeutung als Droge beachtet und die medizinische Wirkung ignoriert. Von den Züchtern hat man deshalb verlangt, dass sie für die Produktion von Hanffasern Pflanzen züchteten, die lediglich minimale Mengen des Wirkstoffs THC enthalten.

weibliche Cannabis-Blüte
weibliche Cannabis-Blüte
anonym, GNU-Lizenz für freie Dokumentation

Einen vernünftigen Grund für die ökologisch nicht zu verantwortenden Anbauverbote gibt es daher schon lange nicht mehr. Der Anbau etlicher Hanf-Sorten mit sehr geringer THC-Produktion ist längst wieder erlaubt. Für die Herstellung von Medikamenten braucht man aber auch Hanf-Pflanzen mit hohen Konzentrationen medizinisch wirksamer Substanzen. Weil deren Produktion und Besitz trotz ihrer verglichen mit den legalen Drogen Alkohol und Tabak geringen Gefährlichkeit verboten sind, lässt sich mit illegalem Cannabis-Anbau immer noch viel Geld verdienen, was wiederum kriminelle Menschen anlockt. Es wäre klüger, einen kontrollierten legalen Cannabis-Anbau zu fördern. Vor allem aber ist es unmenschlich und verantwortungslos, dass die Kriminalisierung von Anbau und Vertrieb mediznisch wirksamer Cannabis-Pflanzen leidenden Patienten den Zugang zu Hanf-Medikamenten in Deutschland bis heute massiv erschwert bzw. verteuert.

Beschreibungen harntreibender, Blutungen stillender, abschwellender oder entgiftender sowie Sehnenzerrungen, Hautausschläge, Entzündungen, Gicht, Verbrennungen, akute und chronische Schmerzen lindernder Wirkungen aus Cannabis-Wurzeln hergestellter Breie, Sude, Säfte oder Scheiben nach Geburten, bei Prellungen, Knochenbrüchen, Operationen, Unfällen, Krankheiten oder Skorpionstichen gehören zu den ältesten schriftlichen Überlieferungen der Menschheit überhaupt. Im 18. Jahrhundert empfahlen Ärzte Hanf-Wurzeln außerdem zur Behandlung Ischias, Hüftgelenkschmerzen, Inkontinenz und Geschlechtskrankheiten. In Argentinien wurden Cannabis-Wurzeln traditionell zur Behandlung von Fieber, Durchfall und Magenleiden angewendet. Heute gibt es Hanf-Wurzel-Präparate als Bodylotions, Salben, Lippenbalsame, Massage-Öle oder Sprays, die bei Psoriasis, Ekzeme, Arthritis, Gelenkschmerzen und Fibromyalgie helfen sollen. Hanf-Wurzeln enthalten geringe Mengen von Terpenen, Alkaloiden und diversen anderen sekundären Pflanzenstoffen. Darunter auch das antioxidative und anscheinend die Leber schützende Friedelin, das in Studien Antitumor-Effekte zeigende Epifriedelinol und mehrere mutmaßlich Krebszellen in den Selbstmord treibende Ketone aus pentazyklischen Triterpenen. Außerdem sollen sie Entzündungen, Schmerzen und bakterielle Infektionen lindern sowie harntreibende und das Immunsystem beeinflussende Eigenschaften haben. Die beiden überall in der Hanf-Pflanze gefundenen Alkaloide Piperidin und Pyrrolidin können in hohen Dosierungen stark toxisch wirken, doch in kleineren Dosierungen besitzen sie nachweislich verschiedene Heilwirkungen und werden für die Herstellung verschiedener Medikamente verwendet. Als Kandidaten für möglicherweise medizinische relevante Inhaltsstoffe fand man in Hanf-Pflanzen außerdem in kleinen Mengen Cholin und Atropin.

Gut dokumentiert und nachgewiesen ist die Wirksamkeit des Cannabis in der Schmerztherapie, bei multipler Sklerose, Übelkeit, Erbrechen sowie chronischer Schwäche von Herz oder Lunge. Viele Studien weisen auf das arzneiliche Potential von medizinischem Cannabis bei gewissen Krebsformen, psychiatrischen Symptomen (z. B. Schlafstörungen, Angststörungen, ADHS, bipolare Störungen, schizophrene Psychosen, endogene Depressionen), entzündlichen Schmerzsyndromen (z. B. Colitis ulcerosa, Arthritis), sowie bei Autoimmunkrankheiten (z. B. Morbus Crohn) hin. Die Erforschung medizinischer Wirkungen von Cannabis-Wikstoffen steht aber erst am Anfang. Möglicherweise erhöht Cannabis-Konsum das Risiko, an einer Schizophrenie zu erkranken. In hohen Dosierungen oder zu häufigem Genuss können die Hanf-Alkaloide die Magenschleimhaut reizen und insbesondere Pyrrolidin und Piperidin Reizungen der Haut, der Schleimhäute und der Lungen hervorrufen und sogar Lebervergiftungen verursachen.

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Roland Heynkes, CC BY-NC-SA 4.0

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