Lerntext über Nervenzellen, Nervensysteme und unser Gehirn

Roland Heynkes, 5.11.2018

Auf dieser Seite sammle ich zum Nachlesen und Lernen, was Lernende laut dem G8-Kernlehrplan Biologie des NRW-Schulministeriums am Ende der Sekundarstufe 1 über Nervenzellen unsere Nervensysteme und das menschliche Gehirn wissen sollten.

Dieses Themenfeld ist wichtig, denn es wird in der Qualifikationsphase der gymnasialen Oberstufe wieder aufgegriffen und dann geht es bereits um den Notendurchschnitt des Abiturs. Dabei geht es aber nicht nur um das möglichst nachhaltige Auswendiglernen im Unterricht an die Tafel geschriebener Fakten. Mindestens ebenso wichtig sind das Einordnen des Gelernten in größere Zusammenhänge (Basiskonzepte) und das Einüben wichtiger Fähigkeiten (Kompetenzen), die in der Oberstufe auch benotet werden.

Gliederung

zum Text Was ist ein Nervensystem?
zum Text Wozu gibt es Nervensysteme
zum Text Informationen über Nervenzellen
zum Text Wie Aktionspotentiale wandern
zum Text unsere Nervensysteme
zum Text Vom Reiz zur Reaktion
zum Text Reflexe
zum Text Wie unser Gehirn entsteht
zum Text räumliche Orientierung in rotierenden Gehirnmodellen
zum Text statische Darstellungen des Gehirns
zum Text das Gehirn
zum Text Limbisches System
zum Text Lernen und Gedächtnisse
zum Text Intelligenz
zum Text häufige Erkrankungen des Zentralnervensystems
zum Text Lerntext über Faktoren, die unsere Gehirne krank machen oder gesund erhalten
zum Text

Was ist ein Nervensystem? nach oben

Ein Nervensystem ist erstmal ein System. Und ein System ist ein Ganzes, das aus mehreren Teilen besteht, die geordnet zusammen arbeiten. Durch das Zusammenwirken aller Teile bekommt das System Eigenschaften, die sofort verschwinden, wenn auch nur eines der unverzichtbaren Teile fehlt. So ist beispielsweise ein Auto kein funktionsfähiges Auto mehr und kann nicht mehr fahren, wenn das Lenkrad oder der Motor fehlt oder wenn es nur noch 2 Räder hat. Und ein Auto funktioniert auch nicht, wenn seine Vorderräder nicht richtig zusammen arbeiten, sondern in unterschiedliche Richtungen fahren.

Allerdings können natürlich Systeme weiter bzw. wieder funktionieren, wenn einzelne Teile passend ersetzt werden. Wichtig ist in einem System nicht das Einzelne, sondern das Ganze. So können beispielsweise Flugzeuge viele Jahrzehnte hervorragend funktionieren, weil an ihnen ständig alle nicht mehr voll funktionsfähigen Teile ausgetauscht werden.

Auch ein Fahrrad ist ein einfaches System, in dem jedes Teil am richtig Platz sein und mit anderen korrekt verbunden sein muss. Und es ist immer noch mein Liegerad, wenn ich seine Winterreifen durch Sommerreifen ersetzt habe.
MRT-Bild eines menschlichen Gehirns
Roland Heynkes, CC BY-SA-4.0

Die in einem Nervensystem geordnet zusammen arbeitenden Teile heißen Nervenzellen. Sie können sich zu Ganglien oder Gehirnen und ihre Axone können sich zu Nerven zusammenschließen. Ähnlich wie beim System Flugzeug ist auch in Nervensystemen keine einzelne Nervenzelle unersetzlich. Man spricht sogar vom plastischen menschlichen Gehirn, weil es bei der Erfüllung seiner Aufgaben extrem flexibel ist und sich selbst in hohem Maße reparieren können. Zwar müssen unverzichtbare Leistungen auch in einem Nervensystem erbracht werden, aber nicht mehr funktionierende Nervenzellen können durch andere ersetzt werden. Es gehört sogar zu den typischen Eigenschaften aller lebenden Lebewesen, dass sie nach dem Prinzip des Fließgleichgewichts ständig ihre gesamte Materie austauschen, während sie sich selbst als lebende Systeme sehr viel langsamer verändern.

Wozu gibt es Nervensysteme nach oben

Nervensysteme helfen vielzelligen Organismen (Tieren, wahrscheinlich auch Pflanzen), die Aktivitäten ihrer Zellen und Organe zu koordinieren.

Ohne unser Bauchgehirn könnten wir nicht verdauen. Unser Kopfgehirn verarbeitet Informationen von Sinnesorganen und Sensoren überall im Körper. Es steuert unsere bewussten Bewegungen und kontrolliert unsere Hormonsysteme. So entscheidet es beispielsweise über den Beginn der Pubertät.

Bei uns Menschen und sehr wahrscheinlich zumindest auch bei den höher entwickelten Tieren haben sich Nervensysteme sozusagen verselbständigt und ein Bewußtsein geschaffen, das über sich selbst und die Welt nachdenken kann. Wenigstens für uns Menschen ist deshalb das Kopfgehirn unser wichtigstes Organ, weil es das enthält oder erzeugt, was uns als Persönlichkeiten ausmacht.

Informationen über Nervenzellen nach oben

Die wichtigsten Bausteine unserer Nervensysteme sind die Nervenzellen. Von anderen Zelltypen unterscheiden sich Nervenzellen nicht nur hinsichtlich ihrer Funktionen, sondern natürlich auch durch ihre Formen (Strukturen), die sich evolutionär an ihre Aufgaben angepasst haben.

Es gibt für verschiedene Aufgaben unterschiedliche Nervenzellen. Die folgende Darstellung zeigt vier Typen.

Schema mit 4 Grundformen von Nervenzellen nach oben
5 Nervenzelltypen
Jonathan Haas, CC BY-SA 3.0
1: unipolares Neuron ohne Dendriten, 2: bipolares Neuron mit nur einem Dendriten, 3: multipolares Neuron mit vielen Dendriten, 4: pseudounipolares Neuron mit nur einem Dendriten, der außerhalb des Zellkörpers direkt mit dem bei allen Nervenzellen vorhandenen Axon verbunden ist.

Der normalerweise in Biologiebüchern dargestellte Nervenzell-Typ ist das im folgende genauer beschriebene multipolare Neuron.

Schema einer multipolaren Nervenzelle nach oben
Nervenzelle
Mariana Ruiz Villarreal, public domain

Multipolare Nervenzellen bestehen aus einem Zellkörper, mehreren oder vielen Dendriten und einem Axon. Die Dendriten vergrößern enorm die Oberfläche einer Nervenzelle. Das schafft Platz für Tausende Synapsen, über die eine Nervenzelle Informationen von anderen Nervenzellen oder von Sinneszellen aufnehmen kann. Das meistens besonders lange und an seinen Enden verzweigte Axon transportiert elektrische Impulse von der Nervenzelle zu ihren Zielzellen (Nervenzellen, Drüsenzellen oder Muskelzellen). An den Enden der verzweigten Axone befinden sich kleine Verdickungen, die sogenannten Endknöpfchen. Ein Endknöpfchen bildet den vorderen (präsynaptischen) Teil einer Synapse. Erreicht ein elektrisches Signal (Aktionspotential) das Endknöpfchen, dann verschmelzen in ihm winzige Bläschen mit seiner Zellmembran und entlassen ihren Inhalt (Transmitter) in den synaptischen Spalt. Die Transmitter-Moleküle durchqueren den synaptischen Spalt und verbinden sich auf der anderen (postsynaptischen) Seite des synaptischen Spalts mit Rezeptor-Molekülen in der Zellmembran der Zielzelle. Jeder Transmitter passt (wie ein Schlüssel in ein Schloss) zu genau einer Sorte von Rezeptor. Die beiden bleiben normalerweise nur für sehr kurze Zeit miteinander verbunden und trennen sich dann wieder. Während dieser Verbindung reagiert der Rezeptor mit einer Formveränderung, die seine spezifische Funktion auslöst. Das kann die Öffnung eines Ionenkanals, die Aktivierung eines Enzyms oder etwas anderes sein.

Es gibt Dutzende Sorten von Neurotransmittern und Cotransmittern. Und für jeden Typ von Transmitter gibt es einen eigenen Rezeptor-Typ. Deshalb können die vielen Synapsen auf den Dendriten und dem Zellkörper einer Nervenzelle auch nicht nur aktivierend oder hemmend wirken. Die Vielfalt der Transmitter und Rezeptoren ermöglicht eine Vielfalt möglicher gegenseitiger Beeinflussungen von Nervenzellen.

Wenn aktivierte Rezeptoren geringfügige Änderungen der elektrischen Spannungen an den Membranen erzeugen, breiten sich diese Spannungsänderungen aus, addieren sich und erreichen den Axonhügel. Wird dort eine bestimmte Spannung erreicht, dann löst dies am Axonhügel einen elektrischen Impuls aus, den man Aktionspotential nennt.

Im synaptischen Spalt werden die Neurotransmitter-Moleküle meistens rasch von Enzymen zerlegt. Die Bruchstücke oder auch ganze Neurotransmitter werden in eine der Zellen (meistens in das Endknöpfchen) wieder aufgenommen. Dort werden sie wenn nötig wieder zusammengesetzt und in neue Bläschen verpackt.

Besonders die motorischen Nervenfasern der Wirbeltiere werden häufig von Hüllzellen umgeben. Die Lücken zwischen einzelnen Hüllzellen nennt man Schnürringe.

zu lernende Fachbegriffe:
  1. Axon heißt der lange Zellfortsatz, durch den Nervenzellen ihre Signale abschicken. Streng genommen spricht man aber nur von einem Axon, wenn dieser ansonsten nur Neurit genannte Fortsatz von elektrisch isolierenden Mark- bzw. Myelinscheiden umgeben ist.
  2. Axonhügel heißt der noch relativ dicke Anfangsbereich eines Axons. Hier werden die Aktionspotentiale (wandernde elektrische Signale) erzeugt bzw. gestartet. Danach laufen sie das ganze Axon entlang.
  3. Dendriten heißen die zahlreichen dünnen Ausläufer am Zellkörper, die elektrisch oder chemisch übertragende Signale von Sinneszellen oder anderen Nervenzellen aufnehmen und in Richtung Zellkörper weitergeben.
  4. Endknöpfchen heißen die Verdickungen an den Enden der Axone und anderen (hüllenlosen) Neuriten.
  5. Enzyme sind in (fast) allen Zellen des Körpers gebildete Proteine, die nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip Substrat-spezifisch chemische Reaktionen beschleunigen und lenken (Wirkungsspezifität), ohne dabei selbst dauerhaft verändert zu werden.
  6. Markscheide heißt eine mehrschichtige, elektrisch isolierende, aus den Zellmembranen spezieller Hüllzellen bestehende Hüllschicht um ein Axon.
  7. Membran nennt man eine dünne Schicht aus einem wenigstens teilweise undurchlässigen Material.
  8. Nerv nennt man ein Bündel aus vielen Axonen.
  9. Nervenzellen sind Zellen, die über zahlreiche Dendriten und ein Axon mit vielen anderen Zellen kommunizieren.
  10. Zellorganellen wie der Zellkern, das endoplasmatische Retikulum, Mitochondrien und Chloroplasten sind (meistens) durch Membranen abgetrennte Reaktionsräume (Kompartimente) in (eukaryotischen) Zellen. Die Kompartimentierung verhindert, dass sich verschiedene Prozesse gegenseitig stören.
  11. Rezeptoren sind Proteine, die so spezifisch zu einem bestimmten Stoff (in diesem Fall zu einem Neurotransmitter) passen wie ein Schloss zu einem Schlüssel.
  12. Schnürringe nennt man die Lücken zwischen den Hüllzellen entlang eines Axons.
  13. Sinneszellen sind Zellen (teilweise spezialisierte Nervenzellen), die mit Hilfe spezieller RezeptorStrukturen auf bestimmte Reize reagieren und entsprechende Signale an das Zentralnervensystem weiterleiten können.
  14. Spannung heißt die Potentialdifferenz zwischen zwei Orten. Im Falle einer Nervenzelle ist damit der elektrische Ladungsunterschied zwischen der Außenseite und der Innenseite der Nervenzellmembran gemeint.
  15. Synapse nennt man die Verbindungsstelle zwischen einem Endknöpfchen und einer Zielzelle des Neuriten (Axons). Die meisten Synapsen übertragen ihre Signale chemisch. Es gibt auch elektrische Synapsen.
  16. synaptischer Spalt heißt der Zwischenraum (Spalt) zwischen einem Endknöpfchen und der Zellmembran (postsynaptischen Membran) der Zielzelle.
  17. Transmitter (Botenstoffe) oder genauer Neurotransmitter nennt man die relativ kleinen Moleküle, welche als Reaktion auf ankommende elektrische Signale (Aktionspotentiale) aus winzigen Bläschen aus dem Inneren eines Endknöpfchens in den synaptischen Spalt freigesetzt und von Rezeptoren auf der postsynaptischen Membran gebunden werden, die daraufhin eine Reaktion in der Zielzelle auslösen.
  18. Der von einer Kernmembran umgebene Zellkern enthält die Chromosomen mit den Erbinformationen. Der Zellkern steuert nicht die Prozesse in der Zelle, sondern stellt wie eine Bibliothek die jeweils benötigten Baupläne zur Verfügung.
  19. Zellkörper nennt man eine Zelle ohne ihre Fortsätze. Für die meisten Quellen gehört auch der Zellkern nicht zum Zellkörper. Manche schließen sogar die Organellen davon aus.

Wie Aktionspotentiale wandern nach oben

Die folgende Animation zeigt, wie eine Ladungsumkehr entlang der Membran eines Axons wandert.

schematische Animation eines wandernden Aktionspotentials nach oben
wanderndes Aktionspotential
Lauren Taylor, CC BY-SA 3.0

Die folgenden Schemata zeigen schrittweise, was an der Axon-Membran passiert und wie sich dadurch die Ladungsverteilungen ändern.

Abfolge der Ereignisse an einem Stück Membran nach oben
wanderndes Aktionspotential
Dimitrios Pascal Weiss, CC BY-SA 3.0 DE

Das folgende Diagramm zeigt den Ablauf der Ladungsveränderungen, während ein Aktionspotential über ein Stück Axon-Membran wandert.

Ladungsänderungen an einem Stück Membran nach oben
wanderndes Aktionspotential
verschiedene anonyme Zeichner, CC BY-SA 3.0

unsere Nervensysteme nach oben

Im menschlichen Körper wurden bis jetzt drei Gehirne gefunden:

  1. Geschützt vom Hirnschädel befindet sich in der Schädelhöhle das menschliche Kopfgehirn. Es ist zuständig für unsere Wahrnehmung, unser Fühlen und Denken, unsere bewußten Bewegungen sowie die Kontrolle über unsere Hormonsysteme und grundlegende Lebensprozesse. In einer 2009 veröffentlichten Untersuchung fand man in männlichen Gehirnen durchschnittlich ungefähr 86 Milliarden Nervenzellen.
  2. Rund um unseren ganzen Verdauungstrakt besitzen wir ein relativ großes Bauchgehirn aus immerhin rund 100 Millionen Nervenzellen.
  3. Erst in den letzten Jahrzehnten als solches entdeckt wurde ein winziges Herzgehirn aus geschätzt 40.000 Nervenzellen.

Schema eines Darmabschnittes mit Darmgehirn
Darmwandaufbau
Zeichnung von Connexions, OpenStax College at Rice University, Anatomy & Physiology, Overview of the Digestive System, CC BY 4.0
  1. Ausgang einer außerhalb des Darms liegenden Drüse
  2. Lymphgefäß
  3. Darminhalt (Lumen)
  4. Epithelium der Darmschleimhaut (Mukosa)
  5. Bindegewebe (Lamina propria mucosae) unter dem Epithelium der Darmschleimhaut (Mukosa), in dem es Adern, Lymphgefäße, Nerven und Drüsen befinden
  6. Lamina muscularis mucosae heißt eine Schicht glatter Muskulatur angrenzend an die Lamina propria mucosae der Darmschleimhaut (Mukosa)
  7. Drüse innerhalb der Darmschleimhaut
  8. Submukosa heißt eine dünne Bindegewebsschicht unterhalb der Schleimhaut (Mukosa)
  9. Drüsen innerhalb der Submukosa
  10. Plexus submucosus oder Meissner Plexus heißt ein sich von der Speiseröhre über den Magen und den gesamten Darm erstreckendes Netzwerk aus Anhäufungen von Nervenzellkörpern (Nervenknoten oder Ganglien) und Nervenfasern in der Submukosa.
  11. Vene
  12. Längsmuskelschicht (der Lamina muscularis mucosae) längs des Darms
  13. Ringmuskeln der Lamina muscularis mucosae
  14. Lamina epithelialis serosae heißt die äußerste Zellschicht (Epithelium) des Bindegewebes (Tunica serosa oder einfach Serosa), das den Darm (und andere Bauchorgane) überzieht.
  15. Lamina propria mucosae heißt ein von Adern, Lymphgefäßen und Nerven durchzogenes lockeres netzförmiges Bindegewebe voller weißer Blutkörperchen (Leukozyten), das zusammen mit dem Epithelium die Serosa bildet.
  16. Plexus myentericus oder Auerbach-Plexus heißt ein sich von der Speiseröhre über den Magen und den gesamten Darm erstreckendes Netzwerk aus Anhäufungen von Nervenzellkörpern (Nervenknoten oder Ganglien) und Nervenfasern zwischen der Ring- (Stratum circulare) und der Längsmuskelschicht (Stratum longitudinale) in der Lamina muscularis mucosae.
  17. Nerv
  18. Arterie
  19. Mesenterium heißt das zu den Faszien gehörende Bindegewebe, das den Darm aufhängt und in seiner Position hält.

Verschiedene Quellen gliedern unsere Nervensysteme unterschiedlich. Unstrittig sind aber folgende Einteilungen:

Der Parasympathikus reduziert die Durchmesser von Pupillen und Bronchien sowie die Aktivitäten von Herz und Leber. Gleichzeitig steigert der Parasympathikus die Tätigkeiten von Speicheldrüsen, Magen, Bauchspeicheldrüse, Darm, Niere, Blase und Geschlechtsorganen.

Der Sympathikus vergrößert die Durchmesser von Pupillen und Bronchien sowie die Aktivitäten von Herz und Leber. Gleichzeitig hemmt er die Tätigkeiten von Speicheldrüsen, Magen, Bauchspeicheldrüse, Darm, Niere, Blase und Geschlechtsorganen.

Vom Reiz zur Reaktion nach oben

Mit Sinnesorganen wie den Augen und Ohren empfangen wir zahlreiche Reize aus unserer Umwelt. In den Sinnesorganen reagieren Sinneszellen darauf mit der Erzeugung elektrischer Signale (Erregung), welche durch sensorische Nervenzellen (Neurone) zum Gehirn weitergeleitet werden. Dort arbeiten viele Nervenzellen zusammen, um die Signale zu verarbeiten (auswerten und bewerten). Dabei werden auch Hirn-Strukturen beteiligt, die für verschiedene Gedächtnisse und Gefühle zuständig sind. Falls erforderlich, steuert das Gehirn Reaktionen, indem es durch motorische Nervenzellen genau aufeinander abgestimmte elektrische Signale zu verschiedenen Muskeln schickt. Oft haben wir sehr wenig Zeit, um auf einen Reiz adäquat zu reagieren. Wenn beispielsweise beim Siebenmeterwurf ein Handball mit 120 km/h (120.000 Meter pro 3600 Sekunden) auf eine Torfrau zugliegt, dann muss ein geeigneter Körperteil binnen 7/120000x3600= 0,21 Sekunden die Flugbahn des Balles kreuzen.

Reflexe nach oben

Reflex nennt man einen Vorgang, bei dem eine Reaktion auf einen Reiz zwar im Zentralnervensystem ausgelöst wird, aber nicht im Großhirn und deshalb unbewusst. Das macht Reflexe viel schneller als bewußt vom Gehirn gesteuerte Bewegungen. Und Reflexe müssen so schnell sein, weil sie angeborene Schutzreaktionen sind. Man kann Reflexe durch Training etwas beschleunigen, aber mit zunehmendem Alter werden sie langsamer. Ein Nachteil von Reflexen kann gelegentlich sein, dass sie unwillkürlich, also nicht oder kaum steuerbar ablaufen. Sobald ein Reflex ausgelöst wurde, lässt er sich nicht mehr stoppen oder an eine veränderte Situation anpassen. Beispiele für Reflexe sind der Lidschluss-Reflex, der Husten- und der Kniesehnen-Reflex.

Beim Menschen ist der auf der Oberschenkelvorderseite befindliche Schenkelstrecker über eine Sehne mit dem Schienbein verbunden. In diese Sehne eingebunden ist die Kniescheibe. Aufgrund dieser besonderen Konstruktion kann man den unteren Teil dieser Sehne auch als ein Band betrachten, welches die Kniescheibe mit dem Schienbein verbindet. Deshalb nennt man diesen Teil der Sehne auch Kniescheibenband (Ligamentum Patella).

Klopft man mit einem Hämmerchen auf das Kniescheibenband, dann wird dieses dadurch nach innen verschoben und verbogen. Infolgedessen werden die Kniescheibe und der obere Teil der Sehne nach unten gezogen. Dabei dehnt die selbst kaum dehnbare Sehne ein wenig den vorderen Oberschenkelmuskel (Schenkelstrecker). Gleichzeitig werden auch die in diesem Muskel steckenden Muskelspindeln gestreckt und melden das durch elektrische Signale an das Rückenmark. Darin verzweigt sich das den Reiz meldende Axon und aktiviert zwei Nervenzellen - eine motorische und eine kleine Zwischennervenzelle (Zwischenneuron). Der Axonhügel der motorischen Nervenzelle erzeugt daraufhin einen elektrischen Impuls (Aktionspotential) und leitet diesen durch sein Axon zurück in den gedehnten Muskel. Dort verzweigt sich das Axon und seine wegen ihrer besonders großen Fläche motorische Platten genannten Endknöpfchen übertragen das Aktionspotential auf mehrere Muskelfasern. Diese werden dadurch veranlasst, sich zusammenzuziehen und so die passive Dehnung des Muskels auszugleichen. Gleichzeitig hemmt das kurze Zwischenneuron die motorische Nervenzelle, die ansonsten vielleicht gleichzeitig den Gegenspieler des aktivierten Muskels aktivieren würde. Das folgende Schema soll diesen Vorgang veranschaulichen.

schematisch vereinfachte Zeichnung des Kniesehnenreflexes
Gelenk
motorische Platten heißen die flachen Endknöpfchen an den Enden motorischer Nerven. Sie vergrößern die Kontaktfläche zum Muskel. Die Spindeln sind Dehnungs-Sinneszellen.
Meine Zeichnung zeigt nur die Strukturen um das Knie und im Rückenmark, die für das Verständnis des Kniesehnenreflexes nötig sind. Der Oberschenkel enthält vor und hinter dem Oberschenkelknochen noch etliche nicht gezeigte Muskeln.

Wie unser Gehirn entsteht nach oben

Wie unser Gehirn entsteht, zeigt die dritte Folge der vierteiligen BBC-Dokumentation: "Michael Mosley - Was ist der Mensch" mit eindrucksvollen Beispielen für die kaum vorstellbare Plastizität des menschlichen Gehirns. Mit Hilfe dieses Links kann man sich diese Sendung auch zuhause ansehen. Noch wichtiger als Grundwissen über den Aufbau unseres Nervensystems ist nämlich gerade für Lernende, dass unserer Lernfähigkeit praktisch keine Grenzen gesetzt sind. Im Prinzip leistet unser Gehirn bei entsprechendem Training genau soviel, wie wir von ihm verlangen. Begrenzt wird unsere Lernfähigkeit meistens dadurch, dass wir etwas für nicht erlernbar oder zumindest uns selbst in dieser Hinsicht für unbegabt halten. Ein "Basiskonzept" meines Biologie-Unterricht ist es deshalb, den Glauben der Lernenden an ihre Lernfähigkeit zu fördern. Der folgende Link führt zu meiner kritischen Zusammenfassung der Sendung.

räumliche Orientierung in rotierenden Gehirnmodellen nach oben

Weil das menschliche Gehirn dreidimensional ist, liegen seine Strukturen nicht nur über-, unter- und nebeneinander, sondern auch vor- und hintereinander. Das macht es schwierig, den Aufbau des Gehirns mit zweidimensionalen Zeichnungen zu verstehen. Abhilfe bieten im Folgenden rotierende dreidimensionale Darstellungen in Form sogenannter animierter GIFs. Diese rotierenden Modelle des menschlichen Gehirns vermitteln einen räumlichen Eindruck von den Lagen verschiedener Strukturen.

Hirnstamm in einem rotierenden Modell des menschlichen Hirns nach oben
rotierendes Hirn-Modell Für eine größere Version klicke auf das rotierende Bild.
BodyParts3D/Anatomography, The Database Center for Life Science, CC-BY-SA-2.1-jp
Dieses rotierende Modell eines menschlichen Hirns hebt den Hirnstamm rot hervor.
Zwischenhirn in einem rotierenden Modell eines menschlichen Hirns nach oben
rotierendes Hirn-Modell Für eine größere Version klicke auf das rotierende Bild.
Anatomography by Life Science Databases(LSDB), CC-BY-SA-2.1-jp
Dieses rotierende Modell eines menschlichen Hirns hebt das Zwischenhirn rot hervor.
das Limbische System in einem rotierenden Modell eines menschlichen Hirns nach oben
rotierendes Hirn-Modell Für eine größere Version klicke auf das rotierende Bild.
Anatomography by Life Science Databases(LSDB), CC-BY-SA-2.1-jp
Dieses rotierende Modell eines menschlichen Hirns hebt das Limbische System rot hervor.
Hippocampi in einem rotierenden Modell des menschlichen Hirns nach oben
Hippocampi im rotierenden Hirn-Modell Für eine größere Version klicke auf das rotierende Bild.
BodyParts3D/Anatomography, The Database Center for Life Science, CC-BY-SA-2.1-jp
Dieses rotierende Modell eines menschlichen Hirns hebt die Hippocampi rot hervor.
Kleinhirn in einem rotierenden Modellen des menschlichen Hirns nach oben
rotierendes Hirn-Modell
BodyParts3D/Anatomography, The Database Center for Life Science, CC-BY-SA-2.1-jp
Dieses rotierende Modell eines menschlichen Hirns hebt das Kleinhirn rot hervor.
Großhirn in einem rotierenden Modellen des menschlichen Hirns nach oben
rotierendes Hirn-Modell
BodyParts3D/Anatomography, The Database Center for Life Science, CC-BY-SA-2.1-jp
Dieses rotierende Modell eines menschlichen Hirns hebt das Großhirn rot hervor.
Großhirn-Pole in einem rotierenden Modell des menschlichen Hirns nach oben
rotierendes Hirn-Modell Für eine größere Version klicke auf das rotierende Bild.
BodyParts3D/Anatomography, The Database Center for Life Science, CC-BY-SA-2.1-jp
Dieses rotierende Modell eines menschlichen Hirns hebt die der Orientierung des Betrachters dienenden Pole des Großhirns rot hervor.
  • türkies = Polus frontalis (Frontalpol), Ende des Frontallappens
  • grün = Polus occipitalis (Okzipitalpol), Ende des Okzipitallappens
  • rot = Polus temporalis (Temporalpol), Ende des Temporallappens
Frontallappen in einem rotierenden Modell eines menschlichen Hirns nach oben
rotierendes Hirn-Modell
BodyParts3D, The Database Center for Life Science, CC-BY-SA-2.1-jp
Dieses rotierende Modell eines menschlichen Hirns hebt den linken Frontallappen rot hervor. Es fehlt das rechte Großhirn.
Zirbeldrüse (Epiphyse) in einem rotierenden Modell des menschlichen Hirns nach oben
Zirbeldrüse in rotierendem Hirn-Modell Für eine größere Version klicke auf das rotierende Bild.
BodyParts3D/Anatomography, The Database Center for Life Science, CC-BY-SA-2.1-jp
Dieses rotierende Modell eines menschlichen Hirns hebt den Hirnstamm rot hervor.
der Corpus mamillare in jeder Hälfte eines rotierenden Modell des menschlichen Hirns nach oben
Mamillarkörper
BodyParts3D, The Database Center for Life Science, CC-BY-SA-2.1-jp
In diesem rotierenden Modell eines menschlichen Hirns sind die beiden Mamillarkörper rot markiert. Sie liegen an den Vorderenden der Fornix cerebri an der Unterseite des menschlichen Gehirns und gehören zum Limbischen System. Innerhalb eines Mamillarkörpers unterscheidet man einen äußeren (lateralen) und einen weiter innen (medial) liegenden Kern. Die Aufgaben der Mamillarkörper sind noch unbekannt, aber sie scheinen etwas mit Gedächtnisvorgängen zu tun zu haben.
ein weiteres rotierendes Hirn-Modell nach oben
rotierendes Hirn-Modell
BodyParts3D, The Database Center for Life Science, CC-BY-SA-2.1-jp
In diesem rotierenden Modell eines menschlichen Hirns sind die Brücke (Pons) golden, der Hippocampus blau, die Amygdala grün, der Hypothalamus rot und die Hypophyse pink markiert.

statische Darstellungen des Gehirns nach oben

Präfrontaler Cortex
ATP aus Wikimedia Commons
Henry Gray, anonym bearbeitet, public domain
Präfrontaler Cortex oder Cortex praefrontalis heißt ein so großer Teil des Frontallappens der Großhirnrinde (Cortex cerebri), dass man beide fast gleichsetzen könnte. Er befindet sich an der Stirnseite des Gehirns. Der Präfrontale Cortex empfängt sensorische Signale von den etwas weiter hinten in der Großhirnrinde liegenden, für die Wahrnehmung der Umwelt zuständigen sensorischen Assoziationsgebieten der Großhirnrinde. Der Präfrontale Cortex ist auch mit dem limbischen System und den Basalganglien verbunden. Er ist beteiligt am Kurzzeitgedächtnis, vorausschauender Planung, Entscheidungen, Überdenken und Kontrollieren des eigenen Verhaltens (Impulskontrolle). Der Präfrontale Cortex ist außerdem beteiligt an der Verknüpfung von Gedächtnisinhalten und emotionalen Bewertungen.
Basalganglien
Basalganglien
Sung-Joo Lim1, Julie A. Fiez und Lori L. Holt, CC BY 3.0
Basalganglien oder basale Kerne nennt man den Thalamus zur Hirnaußenseite hin halbschalenartig umgebende Ganglien im Innern der Großhirn-Hemisphären. Dazu gehören der Linsenkern (Nucleus lentiformis), der Schweif- oder Schwanzkern (Nucleus caudatus), der Corpus amygdaloideum sowie das Claustrum.

Hirnstamm-Modell berechnet aus der MRT-Aufnahme eines menschlichen Hirns nach oben
Hirnstamm
BodyParts3D/Anatomography, The Database Center for Life Science, CC-BY-SA-2.1-jp
Folgt man obigem Link zur Quelle der Darstellung des Hirnstamms, dann kann man auf dieser Internetseite das auf realen MRT-Daten beruhende dreidimensionale Modell drehen und verändern.
Vergleich eines gesunden mit einem geschrumpften Gehirn nach oben
3DPX-003765 3DModel of Brain Nevit Dilmen.stl
Nevit Dilmen, CC BY-SA 3.0
3DPX-003765 3DModel of Brain Nevit Dilmen.stl
Nevit Dilmen, CC BY-SA 3.0
Klicke auf diese aus echten MRT-Bildern errechneten Darstellungen, um sie in der Wikimedia online dreidimensional zu betrachten.

Die folgende anatomische Zeichnung des Kleinhirns versucht so naturgetreu wie möglich zu zeigen, was der Zeichner in einem bestimmten Gehirn gesehen hat. Daher ist es detailreich, aber nicht sehr übersichtlich. Außerdem könnte das gezeichnete Kleinhirn theoretisch untypisch sein und so einen falschen Eindruck vermitteln.

anatomische Zeichnung des Kleinhirns nach oben
Kleinhirn
Henry Gray, Anatomy of the Human Body. Philadelphia: Lea & Febiger, 1918, Bartleby.com, 2000.

Die folgenden Schemata zeigen wenig Details und sind nicht naturgetreu. Sie geben gar kein bestimmtes Objekt wieder, sondern zeichnen ein stark vereinfachtes Bild, indem meistens verschiedene Strukturen durch unterschiedliche Farben erkennbar gemacht wurden. Man sieht das gesamte Gehirn in einer Schnittebene zwischen den beiden Großhirnhälften.

Schema des menschlichen Gehirns nach oben
Schema des menschlichen Gehirns
anonymer Neurowissenschaftler, GNU Free Documentation License, Version 1.2
Hirnstamm in einem Schema des Gehirns nach oben
Hirnstamm in einem Schema des Gehirns
Patrick J. Lynch, CC BY-SA 3.0
Dieses Schema des menschlichen Gehirns zeigt das Großhirn (Cerebrum) und das Kleinhirn (Cerebellum) hellbraun, dass Zwischenhirn mittelbraun und den Hirnstamm rot markiert.

Es folgt weder ein Modell noch ein Schema, sondern ein durch Magnetresonanztomographie gewonnenes Bild eines echten Gehirns. Der Vorteil eines MRT-Bildes von einem lebenden Menschen ist, dass kein Modellbauer einen Fehler machen kann und dass auch keine Präparation die Strukturen verfälschen kann.

MRT-Bild eines menschlichen Gehirns
MRT-Bild eines menschlichen Gehirns
Christian R. Linder, CC BY-SA 3.0

Ein kleiner Nachteil eines MRT-Bildes ist, dass man die Farben der Gewebe nicht sehen kann. Deshalb zeige ich in einer allerdings für Kinder und andere besonders sensible Menschen nicht geeigneten Seite zum Vergleich noch Fotos von echten menschlichen Gehirnen (Präparaten).

Nicht anklicken, wenn Du kein Blut sehen kannst und beim Anblick offener Wunden ohnmächtig wirst! Nur für besondere Freunde der Anatomie!

das Gehirn nach oben

Schätzungsweise 99,9% der Zellkörper unserer Nervenzellen liegen in den eher grau aussehenden Bereichen des zentralen Nervensystems (Hirn und Rückenmark), vor allem in der stark gefalteten Großhirnrinde und im Kleinhirn sowie im Inneren des Rückenmarks. Die weiter innen im Gehirn und außen im Rückenmark gelegenen weißen Bereiche bestehen aus Axonen und Begleitzellen (Gliazellen), die für die Versorgung (und Isolierung) zuständig sind. Etwa 100 Millionen Nervenzellen bilden das sogenannte Bauchhirn. Die Axone verbinden die Nervenzellen in Hirn und Rückenmark nicht nur untereinander, sondern auch mit allen Teilen unseres Körpers.

Die Hirngröße wächst auch mit der Körpergröße nach oben
Säugerhirne im Vergleich

Im Durchschnitt wiegen Männerhirne 100 Gramm mehr als Frauenhirne. Im Durchschnitt wogen die Gehirne der Neandertaler mit rund 1400 Gramm mehr als die Gehirne heutiger Menschen mit nur 1350 Gramm. Allerdings haben im Durchschnitt Frauen 22 Gramm Hirn pro Kilogramm Körpergewicht, während es bei Männern nur 20 g sind. Das lässt vermuten, dass beim heutigen Menschen das Hirngewicht eher mit dem Körpergewicht als mit der Intelligenz zu tun hat. Das erklärt aber noch nicht, warum das Neandertalergehirn größer war als das des modernen Menschen, obwohl die Neandertaler anscheinend kleiner waren. Aktuell herrscht die Meinung vor, über die Leistungsfähigkeit des Gehirns entschieden eher die Oberfläche und das Ausmaß der Vernetzung als das Gewicht.

Der Zusammenhang zwischen der Körpergröße und der Hirngröße wird besonders deutlich, wenn das menschliche Gehirn mit anderen Säugetierarten vergleicht.

University of Wisconsin and Michigan State Comparative Mammalian Brain Collections, as well as National Museum of Health and Medicine, CC-by-sa 2.0/de

Unser Gehirn wird durch Schädelknochen und Hirnhäute besonders geschützt, das Rückenmark durch die Wirbelknochen. Durch Hirntumore und Alzheimer werden Bereiche des Gehirns zerstört. Das kann die Persönlichkeit eines Menschen verändern und er kann vergesslich werden. Bei Hirntumoren ist das aber keineswegs immer so.

Der bekannteste und auffälligste Teil des menschlichen Gehirns ist das in eine linke und in eine rechte Hälfte unterteilte Großhirn. Normalerweise (nicht immer!) ist die linke Gehirnhälfte für die rechte Körperseite und die rechte Gehirnhälfte für die linke Körperseite zuständig. Warum das so ist, weiß man nicht. Seine sensorischen Bereiche verarbeiten von den Sinneszellen kommende Signale. Dabei ist die Haut von Lippen und Händen aufgrund großer Sinneszelldichte stark überrepräsentiert. Seine motorischen Bereiche steuern Bewegungen. Im Großhirn finden auch Denken, Lernen, Gedächtnis und Erinnern statt. Das Großhirn scheint außerdem unser Ich-Bewußtsein, Empathie und den eigenen Willen zu erzeugen, die zu den höheren Gehirn-Funktionen zählen und (unter anderem) auch bei Menschenaffen und Delfinen nachgewiesen wurden.

Den meisten Menschen ist auch das ebenfalls paarige Kleinhirn bekannt. Es ist unter anderem wesentlich an der Feinabstimmung der Bewegungen sowie der Steuerung der Körperhaltung und des Gleichgewichts beteiligt.

Weniger bekannt, aber nicht minder wichtig ist das auch der dritte in zwei Hälften unterteilte Teil unseres Gehirns, dass sogenannte Zwischenhirn. Der Thalamus genannte obere Teil des Zwischenhirns ist eng mit dem Großhirn verbunden. Der Thalamus ist die modulierende (Einfluss nehmende) Umschaltstelle fast aller Nervenfasern, die zur Großhirnrinde oder von dieser fort ziehen. Er bestimmt z.B., welche Sinneseindrücke das Bewußtsein erreichen und mit welchen Emotionen sie dabei verbunden werden.

Im Hypothalamus genannten unteren Teil des Zwischenhirns liegen dem unbewußten (autonomen oder vegetativen) Nervensystem übergeordnete Steuerzentralen für die wichtigsten Regulationsvorgänge des Körpers. Dazu gehören der Wach- und Schlafrhythmus, die Wärme-Regulation, die Blutdruck- und Atmungsregulation, die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme, Fettstoffwechsel, Wasser-, Salz- und Energiehaushalt, die Harn- und Schweißsekretion, die Regulation des osmotischen Drucks und im Sexualzentrum die Regulation der Funktionen der Geschlechtsorgane einschließlich des weiblichen Monatszyklusses. Dadurch erlebt oder fühlt der Mensch Müdigkeit, Hunger, Durst, Sättigung, Schwitzen, Erröten, Angst, Aggression, Erregung, Liebesbedürfnis, Gleichgültigkeit und ähnliches. Der Hypothalamus wirkt nicht nur über Nervenbahnen. Er verbindet das Nerven- mit dem Hormonsystem, indem es die (direkt unter ihm liegende und in der Hierarchie der Hormondrüsen ganz oben stehende) Hypophyse steuert. Der Hypothalamus wird aber auch selbst durch Hormone und durch die benachbarten Hirnteile beeinflusst.

Brücke, Mittelhirn und Nachhirn kommen nur einmal vor. Das Mittelhirn leitet Signale von den Sinneszellen zu den zuständigen Hirnregionen. Im Nachhirn und in der Brücke befinden sich unter anderem Zentren für die Kontrolle der Atmung, des Herzschlages, für Schlucken und Erbrechen sowie für die Verdauung.

Limbisches System nach oben

Limbisches System nennt man eine aus mehreren Strukturen bestehende funktionelle Einheit des Gehirns, die gemeinsam mit vielen anderen Teilen des Gehirns vor allem der Verarbeitung von Emotionen und der Entstehung von Triebverhalten dient. Außerdem schüttet es bei Bedarf körpereigene Opioide (Endorphine) aus. Teile des Limbischen Systems entscheiden darüber, was wir in Langzeitgedächtnissen speichern.

Die folgenden Schemata heben die verschiedenen Strukturen des Limbischen Systems hervor.

Limbisches System in OpenStax Biology 2nd Edition
Limbisches System
OpenStax College - Biology 2nd Edition 30. Mai 2018 - 35.3 The Central Nervous System, Abbildung 6, CC BY 4.0
Cingulate Gyrus (lateinisch: Gyrus cinguli), Thalamus, Hypothalamus, Pituitary (deutsch: Hypophyse), Amygdala (Mandelkern), Hippocampus
Limbisches System in OpenStax Anatomy & Physiology
Limbisches System
OpenStax College - Anatomy & Physiology 10. Apr. 2018 - 15.3 Central Control, Abbildung 3, CC BY 4.0
Hypothalamic nuclei (deutsch: Kerne des Hypothalamus), Amygdala (Mandelkern), Hippocampus, Cingulate Gyrus (lateinisch: Gyrus cinguli), Corpus callosum, Thalamus
das Limbische System aus der Medical gallery of Blausen Medical 2014 nach oben
Limbisches System
Blausen Medical Communications, Inc., CC BY 3.0
Balken, Fornix cerebri, Epiphyse (Zirbeldrüse), Zwischenhirn, Thalamus-Kerne, Hypothalamus, Mamillarkörper, Amygdala (Mandelkern), Cerebrum, Gyrus cinguli, Gyrus parahippocampalis, Hippocampus
die Nervenbahnen des Limbischen Systems nach oben
Limbisches System
Marco Catani et al., CC BY 4.0
Uncinate = Uncinate fasciculus = Fasciculus uncinatus, inferior fronto-occipital = auf der Hirn-Unterseite von vorn nach hinten verlaufende Nervenfasern, inferior longitudinal = auf der Hirn-Unterseite in Längsrichtung verlaufende Nervenbahn, Fornix = Fornix cerebri, Cingulum = Gyrus cinguli

Lernen und Gedächtnisse nach oben

Menschen lernen unbewusst beispielsweise ihre Muttersprache, wie man läuft, was man essen kann, wie es schmecken, riechen sowie aussehen sollte und welche Nahrungsmittel unsere Nährstoffe besonders schnell oder reichhaltig liefern. Wir können nicht anders als ständig etwas zu lernen. Und das Gehirn belohnt sich selbst umso stärker, je anspruchsvoller die in Angriff genommene Aufgabe ist. Es belohnt sich aber nicht nur mit Glücksgefühlen, sondern es wächst auch mit seinen Aufgaben. Was wir auch tun - Übung vermehrt vor allem, aber nicht nur bei Kindern im Gehirn die Nervenzellen und ihre Verknüpfungen. Besonders, jedoch nicht nur in der Pubertät gehen aber auch viele Verknüpfungen und sogar Nervenzellen wieder verloren, weil sie nicht benutzt werden.

Das Gehirn verarbeitet alle Informationen, die von den Sinneszellen geliefert werden. Aber nur zu einem kleinen Teil werden sie uns bewußt. Wie wichtig diese Auslese wesentlicher Informationen ist, zeigen die Probleme, die beispielsweise hypersensible und autistische Menschen mit der Reizüberflutung haben. Sie bezahlen für teilweise übermenschlich anmutende Fähigkeiten mit oft unerträglichem Stress oder gar massiven Behinderungen.

Nur die aktuell benötigten Informationen halten wir im sogenannten Arbeitsgedächtnis, wobei man eigentlich noch zwischen einem relativ großen unbewußten und einem sehr kleinen bewußten Teil unterscheiden muss. Beschäftigen wir uns besonders intensiv oder über einen längeren Zeitraum mit einer Information, dann wird sie vom Arbeitsgedächtnis ins Langzeitgedächtnis übernommen. Erst dann haben wir etwas wirklich gelernt. Dieses Lernen wird durch echtes Interesse oder zumindest eine positive Einstellung zum Lernen, aber auch durch vielfache Wiederholung erleichtert. Wird eine Information allerdings auch nur etwas zu lange nicht genutzt, dann vergessen wir sie wieder und müssen sie bei Bedarf neu lernen. Beim Lernen helfen auch positive Emotionen und das schon vorhandene Wissen, wenn die neuen Informationen sinnvoll darin eingeordnet werden können. Erlebnisse und Erfahrungen werden oft zusammen mit gleichzeitig wahrgenommenen Sinneseindrücken abgespeichert.

Obwohl die Kapazität des menschlichen Langzeitgedächtnisses mit wenigen Ausnahmen praktisch unbegrenzt ist, lässt doch der Hippocampus nur solche Informationen in eines unserer Langzeitgedächtnisse passieren, die uns wirklich interessieren. Für den Erfolg unseres Lernens ist es daher entscheidend, dass wir es schaffen, uns für die zu lernenden Inhalte wirklich zu interessieren. Weil man nicht seinen eigenen Hippocampus belügen kann, muss man davon wirklich überzeugt sein. Denn wir lernen nicht was wir sollen, sondern nur was wir wirklich lernen wollen. Positive Gefühle und Stimmungen erleichtern das Lernen, negative Gefühle, Angst und Stress können es verhindern. Nette Gesellschaft, Anerkennung und Erfolgserlebnisse erleichtern ebenfalls das Lernen. Sehr nützlich ist es auch, möglichst bald nach dem Lernen zu schlafen. Denn in unseren Träumen beschäftigen wir uns mit dem Erlernten, überdenken es, experimentieren mit Alternativen, bringen unerledigte Aufgaben zuende und verfestigen dabei unser Wissen und Können.

Für besonders Interessierte habe ich noch die Lerntexte:

Intelligenz nach oben

Intelligenz ist eine Eigenschaft oder Fähigkeit, für die es keine umfassende, eindeutige und allgemein anerkannte Definition gibt. Ich meine mit Intelligenz die Fähigkeit hochentwickelter Gehirne, Probleme zu erkennen, zu analysieren und zu lösen, die für sie neu sind und für die sie deshalb keine instinktiven, erlernten oder antrainierten Lösungen haben. Aber nicht das Lesen und Schreiben sind unverzichtbare Voraussetzungen für die Entwicklung von Intelligenz, sondern die Fähigkeiten, Wissen strukturiert im Gedächtnis zu halten, es sinnvoll verknüpfen und anwenden zu können und sich in irgendeiner Form von Sprache präzise und differenziert verständigen zu können.

Für besonders Interessierte habe ich noch eine kritische Zusammenfassung der Dokumentation: "Dumm geboren und nichts dazugelernt?".

häufige Erkrankungen des Zentralnervensystems nach oben

Zu den Krankheiten des Zentralnervensystems gehören natürlich die verschiedenen Formen von Demenz. Sie werden zunehmend zu den sogenannten Zivilisationskrankheiten gezählt, die zwar kein Zeichen für besondere Zivilisiertheit sind, aber mit der mißbräuchlichen Nutzung der Segnungen moderner Gesellschaften zu tun haben. Zivilisationskrankheiten sind in den Gesellschaften bzw. in den Gesellschaftsschichten besonders verbreitet, in denen viele Menschen häufig gestresst sind und sich gleichzeitig zu wenig bewegen sowie zu energiereich ernähren. Bei den Demenzen kommt als zusätzlich zu erfüllende Vorraussetzung hinzu, dass einigermaßen hygienische Verhältnisse und funktionierende Sozial- und Gesundheitssysteme die Menschen relativ alt werden lassen.

Die mit rund 60% häufigste Form der Demenz ist die nach ihrem Entdecker benannte Hirnerkrankung Morbus Alzheimer. Symptome der Krankheit zeigen nur 2% der 65-Jährigen. Laut Wikipedia sind es bei den 70-Jährigen 3%, unter den 75-Jährigen 6% und bei den 85-Jährigen etwa 20 Prozent. Die Patienten leiden unter zunehmender Vergesslichkeit, Orientierungslosigkeit, nächtlicher Unruhe und motorischen Störungen, aber auch die ganze Persönlichkeit geht zunehmend verloren. Man geht heute von einer normalerweise mehrere Jahrzehnte dauernden Inkubationszeit aus, in welcher das Gehirn den Untergang von Nervenzellen kompensiert (ausgleicht). Noch unbekannt ist, ob die nach dem Tod im Gehirn nachweisbaren Eiweißablagerungen Ursache oder Folge der Krankheit sind. Auf jeden Fall lassen sich die Symptome mit einem massiven Verlust von Nervenzellen erklären. Es wurde aber auch schon nachgewiesen, dass eine geistig besonders rege Alzheimer-Patientin massivste Nervenzellverluste und ein extrem geschrumpftes Gehirn bis zum Schluss kompensierte. Bei rechtzeitiger Diagnose kann der Krankheitsverlauf heute immerhin meistens verlangsamt werden. Trotzdem ist es natürlich sinnvoller, durch einen gesunden Lebenswandel die Entstehung der Krankheit zu vermeiden. Damit reduziert man gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit einer durch Durchblutungsstörungen verursachten Demenz.

Bekannt ist auch die zwar noch nicht heilbare, aber immerhin immer besser behandelbare Parkinson-Krankheit. Ursache ist das Absterben der Dopamin-produzierenden Nervenzellen in der Substantia nigra. Das führt typischerweise zu Zittern und dem zunehmenden Einfrieren der Bewegungen.

Eine relativ häufige und sehr gefährliche Krankheit ist die Depression. Symptome sind unter anderem Antriebslosigkeit, Müdigkeit, Angstzustände, Unfähigkeit zu trauern oder sich zu freuen und das Gefühl der innerer Leere. Weitere typische Symptome sind Appetitlosigkeit, Infektionsanfälligkeit, Reizbarkeit, Hoffnungslosigkeit, ein gestörter 24-Stunden-Rhythmus, verringerte Konzentrations- und Entscheidungsfähigkeit und verlangsamtes Denken. Eine Depression muss unbedingt medikamentös und psychotherapeutisch behandelt werden. Gegen eine sogenannte Winterdepression hilft eine einfache Lichttherapie, leichte depressive Verstimmungen können sich durch Sport bessern. Es werden viele mögliche Ursachen vermutet, aber man fand in bestimmten Hirnregionen zuviel oder zu wenig von den Neurotransmittern Serotonin und/oder Noradrenalin oder die Nervenzellen konnten nicht richtig darauf reagieren.

Für alle an der Gesundheit ihrer Gehirne Interessierten habe ich einen Lerntext Hirngesundheit.

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Roland Heynkes, CC BY-NC-SA 4.0

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